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Die Familie Mannesmann in Marokko 1907-1914. Ein Beispiel partnerschaftlicher Wirtschaftsentwicklung. Priv.-Doz. Horst A. Wessel

Max Mannesmann Reinhard Mannesmann - Dokumente aus dem Leben der Erfinder; Ruthilt Brandt-Mannesmann

 

Geschichtliches

Die neuere Geschichte Marokkos beginnt mit der europäischen Durchdringung des Landes, zunächst im 15. Jahrhundert in Melilla durch die Spanier. Seitdem blieb dieser Teil spanisches Einflußgebiet. Aber erst nach der Eroberung Algeriens durch Frankreich war die Unabhängigkeit Marokkos bedroht. Als die Marokkaner versuchten, Algeriens westlichste Stadt Tlemcen anzugreifen, griffen die Franzosen 1844 Marokko zu Land und zur See an. Dank ihrer modernen Waffen schlugen die 8000 Franzosen die zahlenmäßig dreifach überlegenen Marokkaner in einer blutigen Schlacht. 1880 einigten sich die führenden Mächte Europas und die USA in der Konvention von Madrid über die Überlassungsrechte der Europäer, wodurch die Unabhängigkeit der Marokkaner beendet war. Von nun an stritten sich die Großmächte immer wieder über dieses Territorium.

Frankreich schloß 1900 einen Vertrag mit Italien, in dem es geschickt frühere Abmachungen Italiens mit dem Bundesgenossen Deutschland wertlos machte. Italien erhielt als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Interessen in Marokko freie Hand in Tripolitanien. In der Entente Cordiale erkannte auch England die französischen Interessen an (im Gegenzug erkannte Frankreich die Vorherrschaft England sin Ägypten an), was einer Isolierung Deutschland gleichkam. Daran konnte auch der Besuch Kaiser Wilhelm II. 1905 in Tanger nichts ändern. Nach diesem Besuch schlug der Sultan von Marokko eine Konferenz vor, auf der sich die beteiligten Mächte über die strittigen Fragen einige sollten. Auf dieser Konferenz von Algeciras sah sich Deutschland erneut einer geschlossenen Front gegenüber und in der Generalakte vom 7.April 1906 hatten sich die Franzosen weitgehend duchgesetzt. Die von Deutschland angestrebte Internationalisierung von Marokko wurde abgelehnt, Marokko ging stattdessen nach und nach faktisch, 1912 auch de jure in den Besitz Frankreichs über.

 

Die Familie Mannesmann in Marokko

Reinhard Mannesmann heiratete am 6. Januar 1906 Marie Luise Eigen, genannt Titta, die einzige Tochter des früh verstorbenen Dr. med. Eigen. Die Hochzeitsreise führte die beiden nach Marokko. Es war allerdings kein Zufall, daß Reinhard auf der Reise Erzvorkommen entdeckte. Als Hüttenmann vermutete er, daß sich die Erzvorkommen von Südwest - Spanien in Nordafrika fortsetzen mußten. So faßte er den Plan, das Land wirtschaftlich zu erschließen.

Als Reinhard und Titta Mannesmann 1906 nach Marokko kam, gab es weder Kanalisation noch Bewässerung, weder Gas noch Elekrizität und keine Industrie. Max Mannesmann schrieb im Mai 1906: "Hier herrscht noch Tausend und eine Nacht. Kamele, Pferde, Esel und Maultiere sind die einzigen Transportmittel."

Die Reise führte die beiden zunächst nach Tanger, wo sich eine deutsche Gesandtschaft befand. Der deutsche Gesandte Rosen war so angetan von dem Paar, daß er es überredete, ihn auf seiner Reise zum Sultan Abdul Asis in Fez zu begleiten. Dies war Reinhard nur recht. Auch der Sultan war sehr erfreut über den Besuch und lud das Paar zu einem weiteren Besuch ein. Dazu nahm Reinhard ein schweres Säckchen mit und setzte es am Eingang nieder. Nachdem er sich verabschiedet hatte und gegangen war, wollte der Sultan wissen, was sich in den Säckchen, das immer noch an der Tür stand, befand. Ein Diener meldete, es sei voller Goldstücke, woraufhin der Sultan ausrief: "Der Mannesmann hat gute Manieren, er soll mich öfter besuchen!"

Für Titta, sie war damals 23 Jahre alt, begann die schönste Zeit ihres Lebens, was in den Briefen an ihre Mutter deutlich wird:

Tanger, 17. März 1906

"Meine liebste Mama

...Wir haben einen reizenden Garten in idealster Lage dicht an dem Strand erworben an einer Stelle, wo man den herrlichsten Blick auf die ganze Tanger-Bucht hat. ... Er ist bewachsen mit Feigen-, Orangen- und Pfirsichbäumen. Jetzt wird gerade im Salon das Kaufgeld für diesen Garten ausbezahlt. Unter Leitung eines marokkanischen Notars haben sich alle Parteien, ungefähr 20 Araber, versammelt und nehmen nun das Geld in Empfang. Dieses , lauter Silber, mußte mit zwei Eseln in Säcken von der Bank gehlot werden. Wir haben in letzter Zeit auch viele Gesellschaften gegeben, darunter zwei Picknicks von je 30 Personen. Das erste Mal ritten wir unter starker Bedeckung nach Sinat, sind dann zum Melhalla geritten, vom Pascha selbst empfangen worden, der uns dann ein Ehrengeleit von 50 Soldaten mitgab. Dieses Ehrengeleit gab hinterher wieder zu einem Sturm im französischen und englischen Blätterwalde Anlaß. Überhaupt beschäftigt sich der Temps, Matin und andere seit einiger Zeit wieder sehr viel mit Herrn von Mannersheim, so heißt nämlich Reinhard. Wir sollen mit Gewalt die Bahn von Tanger - Larache bauen, ja, sogar unser harmloses Gärtchen wurde zur Anlagestation für drahtlose Telegraphie..."

Zunächst amüsierte sich Titta also über das Aufsehen, das sie und ihr Mann erregte. Da ihr Aufenthalt in die Zeit der Algeciras - Konferenz fiel, zogen sie schnell die Aufmerksamkeit der Presse auf sich:

"Tanger, den 23. April 1906

...Meinen langen Brief mit der spanischen Post wirst Du jetzt auch schon haben und Dich über unsere sonderbare Tour auf einem marokkanischen Kriegsschiff wundern...Die ganze französische Presse, die immer voller Angst vor einer deutschen Penetration ist, fing zuerst an zu höhnen. In allen großen Pariser Blättern standen lange Artikel, in denen unser lieber "Turki" (Kriegsschiff des Sultans) als Lustjacht für ein jeune couple allemand en tour de noce figurierte, die, um ihre Emotiojnen zu erhöhen, diesen Kriegszug mitmachten. Die Turki lagerte nachher an der Küste, etwas nah an der algerischen Küste, dicht bei Port Say. Wir gingen auch an Land und machten in der Casbah (arabische Festung) zuerst dem Pascha Sida Abdrachman, dem Hauptgouverneur von ganz Ostmarokko unseren Besuch..."

Im weiteren Verlauf dieses Briefes beschreibt Titta eine der Hauptfähigkeiten von Reinhard Mannesmann: sich in fremden Ländern anzupassen und sich sofort in die Gesellschaft des Landes Eingang zu verschaffen:

"...Sida Abdrachman ist der erste Civil- und Militärbeamte. Er lebt in einem ganz famosen Zelt, so groß wie unser ganzes Haus, mit rosa Kattun ausgefüttert und mit den schönsten Orientteppichen und Matratzen belegt. Er selbst ist ein sehr schöner Mann, sehr weit gereist und sehr gebildet. Das Festessen, dasuns vorgesetzt wurde, war wirklich fürstlich. Nur mußte alles mit den Händen gegessen werden, und der Pascha steckte mir, um mich ganz besonders zu ehren, immer die besten Bissen mit seinen eigenen fürstlichen Fingern in den Mund. Du denkst sicher - wie unappetitlich - aber mitnichten. Vor jeder Mahlzeit kommt ein kleiner Negersklave mit einem silbernen Waschbecken und dito Kanne, geht an jedem der Eingeborenen vorbei, und jeder wäscht sich ordentlich die Hände. Dann erscheint ein anderer, der einen, aus einer hohen silbernen Kanne mit Orangenessenz begießt, worauf man am Schluß noch mit einer kleinen Räucherpfanne eingeräuchert wird.

Wir sind dann noch einige Tage in Saidia geblieben und endlich in doller Brandung wieder an Bord gefahren. Es schlug aber doch die Stunde, wo wir vom geliebten Turki Abschied nehmen mußten. Vom Kapitän und allen Offizieren wurden wir in Melilla in feierlicher Weise auf ein großes französisches Schiff gebracht, das und nach Tanger bringen sollte...Wir sind hier in Tanger inmitten eines regen gesellschaftlichen Verkehrs...Durch unseren Besuch in Saidia haben wir Fühlung mit allen arabischen vornehmen Kreisen, die zum Teil nicht einmal die Gesandten haben..."

Reinhard erschien in seinem Auftreten niemals als ein fremder Europäer, vielmehr als ein Fürst auf Besuch im befreundeten Nachbarland. Auf Reisen und auch in der Sommerresidenz des Sultans bewohnte er selten ein Haus, sondern schlug meist Zelte auf.

Das Zelt von Reinhard und Titta Mannesmann

 

Über die eigentlichen, langfristigen Ziele von Reinhard aber schreibt Titta ihrer Mutter nichts:

"Fez, den 9. September 1906

...Was und so lange hier in Marokko hält, darüber sage ich lieber noch nicht so viel. Wir sind jetzt auf dem besten Wege, unsere toll großen Pläne mit Hilfe von Hadi Omar, dem allmächtigen Günstling des Sultans , durchzusetzen..."

Reinhard schickte geologische Expeditionen durch Marokko. Es galt aber nicht nur, die technischen Schwierigkeiten zu überwinden, viel schwieriger war es, die religiösen Hürden gegen die Schürfungen zu überwinden, da der Koran jede "Entweihung der Erde" durch Menschenhand verbietet. Reinhard gelang es als erstem Europäer, die Koranverse so auslegen zu lassen, daß die Gelehrten der Universität Kairouan nichts mehr gegen die Suche auch Erzen einzuwenden hatten.

Titta übersetzte derweil mit Hilfe eines jüdischen Dolmetschers arabische Bücher ins Deutsche, in denen viel von alten Plätzen die Rede war, wo Metalle gefunden wurden...

Reinhard hatte sich lange in Fez aufgehalten, ohne dem Sultan seine wahren Absichten mitzuteilen. Anfang Juni 1906 aber bat er während einer Audienz den Sultan um Verleihung von Bergwerksrechten im östlichen Rif-Gebiet. Im September informierte er dann die deutsche Gesandtschaft, daß er, nach Aufforderung durch den Außenminister Abdelkrim Ben Sliman, diese Wünsche durch einen schriftlichen, "dem preußischen Bergwerksrecht entsprechendem Antrag auf Verleihung von Bergwerks Eigenthum in Marocco" konkretisiert und persönlich überreicht habe.

Als geschickter Psychologe erschien Reinhard nicht wie ein fremder Europäer, sondern wie ein Fürst, der sein Nachbarland besucht, schlug weiterhin Zelte auf und gab Einladungen:

"Fez, den 31. Oktober 1906

...Vor vierzehn Tagen haben wir zu Ehren der Deutschen ein Diner von 26 Personen gegeben...Es war ein äußerst gelungenes Fest...Unser liebenswürdiger Nachbar, einer der Hauptwürdenträger, sandte uns ein halbes Dutzend siebenarmiger Silberleuchter, Lampen hatten wir en masse und so machte unser Riesenzelt, 8m breit und 15m lang, 6m hoch, einen ganz feenhaften Eindruck. Alle unsere Gäste waren ganz frapperit. Auf den Wänden und auf der Erde liegen ungefähr 60 Teppiche, und 7 seidene Wandbekleidungen bedeckten die Zeltwände. Dutzende von alten silberenen Säbeln, Flinten und Dolchen hängen als Schmuck überall...Du siehst, daß unser Zelt Riesendimensionen hat, wenn trotzdem in der Mitte noch drei Apfelsinenbäume wachsen, deren Hunderte von Früchten jetzt gerade gelb werden. Trotzdem haben wir noch soviel Platz, daß wir bequem tanzen können.

Wann wir nach Hause kommen, ahnt noch niemand. Der deutsche Gesandte will Reinhard absolut in Tanger haben, weil jetzt die Verhandlungen wehen der Inkraftsetzung der Algecirasakte beginnen. Reinhard hat aber keine große Lust, da er sich eigentlich keinen großen Erfolg davon verspricht, für Deutschland meine ich. Wir werden doch wieder von den anderen Nationen über die Nase gehauen."

Die Unabhängigkeit Reinhards von den politischen Ereignissen zeichnet sich in den Briefen nach Deutschland schon ab. Er will sich nicht für die diplomatischen Verhandlungen um die Algeciras-Akte einspannen lassen. Er verfolgt seine Ziele lieber direkte Verhandlungen mit den Marokkanern. Damit zeichnen sich schon die späteren Kontroversen mit dem Auswärtigen Amt ab. Reinhard gelang es, außerordentliche Privilegien beim Sultan einzuhandeln. Trotz der beginnenden Herrschaft der Franzosen hätte er ohne den Schutzbrief des Sultans seine Erkundungsreisen nicht sicher fortsetzen können.